j Vom Hierarchiemodell zum Wachstumsmodell

Beziehung neu erleben:

Von hierarchischen Beziehungen zu Wachstumsbeziehungen

Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus meinem Buch "Wie geht Frieden? - Was jeder Einzelne zum Frieden in der Welt beitragen kann." Hier können Sie das Buch kostenlos als pdf herunterladen:
Wie geht Frieden?

In diesem Artikel geht es nicht nur um Paarbeziehungen sondern ganz allgemein um die Frage "Auf welche Art und Weise beziehen wir uns eigentlich auf andere Menschen? Und trägt das zur Erfüllung unserer Bedürfnisse bei?"

In Familie, Partnerschaft und Freundschaft wünschen wir uns Beziehungen, die unsere Bedürfnisse nach Nähe und Verbindung erfüllen, in denen wir uns aber auch frei und unabhängig bewegen können. In beruflichen Beziehungen erhoffen wir uns Begegnung auf Augenhöhe und eine fruchtbare Zusammenarbeit. Und auch in Alltagsbegegnungen mögen wir gegenseitige Achtung, Vertrauen und Kooperation.

Leider weicht die Wirklichkeit nicht selten von dieser Wunschvorstellung ab. Woran liegt das? Und was kann jeder einzelne dazu beitragen, dass sich das ändert? Die Unterscheidung von hierarchischen Beziehungen und Wachstumsbeziehungen liefert für mich ein nützliches Modell, das uns dabei helfen kann, unsere Beziehungen zufriedenstellender zu gestalten. Dabei geht es vor allem darum, dass wir einander wieder wahrhaftig und aufrichtig begegnen - von Mensch zu Mensch und mitten aus der Quelle unseres Herzens.

Was ist eine Wachstumsbeziehung?

Eine Begegnung zwischen zwei Menschen, in der beide Beteiligten ganz bei sich und in ihrer Kraft sind, beide sich aufrichtig und offen zeigen und sich vertrauensvoll auf Augenhöhe begegnen, bezeichne ich als Wachstumsbeziehung. Es macht dabei keinen Unterschied, ob es sich um eine kurze Begegnung mit einem Fremden handelt oder um die Beziehung mit einem Menschen, der vielleicht über lange Zeit Teil meines Lebens ist.

In solch einem Beziehungsraum - in einer Wachstumsbeziehung - hat jeder von beiden die Möglichkeit für sich alleine zu stehen, für sich selbst zu sorgen, der eigenen inneren Wahrheit zu folgen und sich unabhängig vom anderen zu bewegen. Die Beziehung basiert auf Eigenverantwortlichkeit, Aufrichtigkeit, gegenseitigem Interesse und Vertrauen.

Wachstumsbeziehung
Wachstumsmodell: Menschen begegnen sich
unabhängig, auf Augenhöhe und in ihrer Kraft


Gleichzeitig wissen die Beteiligten um ihre wechselseitige Verbundenheit und der Einheit allen Lebens und sind fähig auf dieser Ebene - dem Mensch Sein - miteinander in Kontakt zu treten. Hier entsteht Raum für echte Begegnung, gegenseitige Unterstützung, Inspiration, Austausch, Verständnis, Nähe, Intimität, Zusammenarbeit und für lebensdienliche und kreative Problem- und Konfliktlösungen, die allen Menschen und dem Planeten dienen.

Diese Art sich aufeinander zu beziehen ist uns eigentlich allen angeboren, wir müssen sie nicht lernen.

Die Bereitschaft, anderen aufrichtig und voller Vertrauen auf Augenhöhe zu begegnen, liegt in unserer menschlichen Natur.

Wenn wir mit Menschen in Berührung kommen, die ganz selbstverständlich ihre Beziehungen auf diese Art und Weise gestalten, fühlen wir uns in deren Nähe sofort wohl. Wir können sein, wie wir wirklich sind, werden ernst genommen, spüren, dass wir nicht verurteilt werden. Wir können entspannen und vertrauen.

Wachstumsbeziehungen zeichnen sich aus durch Denk- und Verhaltensweisen wie z.B.

  • aufrichtig mitteilen, was wir denken, was wir fühlen und was unsere Absicht ist
  • anderen unvoreingenommen begegnen
  • Konflikte willkommen heißen und bereit sein, sie konstruktiv auszutragen und daran zu wachsen
  • den eigenen Werten entsprechend leben ohne Angst vor Konsequenzen, integer sein
  • ehrlich nein sagen zu Dingen, die uns nicht gut tun, die wir nicht tun möchten oder die mit unseren Werten nicht vereinbar sind
  • für sich alleine stehen können
  • emotionale Nähe zu anderen Menschen zulassen
  • neugierig sein auf die Welt der anderen
  • mit anderen kooperieren
  • den Mut haben Fehler zu machen, zu eigenen Fehlern stehen und diese in Ordnung bringen
  • die eigenen Probleme selbstverantwortlich lösen
  • um Hilfe und Unterstützung bitten ohne sich dabei klein zu fühlen
  • unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander stehen lassen
  • den Wert des eigenen Daseins fühlen, sich selbst und andere achten
  • die Gleichwertigkeit aller Menschen wahrnehmen

Für die meisten Menschen hört sich das ziemlich schön an. Doch obwohl sich die aufrichtige Begegnung auf Augenhöhe mit anderen Menschen sehr heilsam, entspannend und kraftvoll anfühlt, leben die meisten von uns etwas ganz anderes: Die Beziehungsform, in der wir alle seit vielen Generationen aufgewachsen und sozialisiert worden sind. Ich nenne sie hierarchische Beziehung.

Was ist eine hierarchische Beziehung?

In einer hierarchischen Beziehung gibt es eine erhöhte und eine erniedrigte Position: Entweder wir erheben uns über einen anderen Menschen, schauen also im wahrsten Sinne des Wortes auf ihn herab. Oder wir erniedrigen uns selbst, nehmen also dem anderen gegenüber eine unterwürfige Position ein. Dadurch entsteht ein Machtgefälle.

Hierarchiemodell
Hierarchiemodell: Menschen agieren in starren Rollen,
die ein Machtgefälle beinhalten.


Man kann diese Art sich aufeinander zu beziehen auch "Dominanz-Unterwerfungs-Beziehung" nennen. Der überlegene Part der Beziehung kann dem Unterlegenen dabei wohlgesonnen sein oder ihm schaden. Der Unterlegene kann sich bereitwillig fügen oder die Situation als leidvoll erfahren. Vielleicht wehrt er sich auch und versucht die Positionen zu tauschen. Doch so oder so, es findet keine Begegnung auf Augenhöhe und damit überhaupt keine wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch statt.

In einer hierarchischen Beziehung begegnen sich Menschen nicht auf Augenhöhe.

Das Verhängnisvolle an hierarchischen Beziehungen ist die Tatsache, dass hier Konflikte nie wirklich geklärt werden. Sie bleiben ungelöst, indem der dominante Beziehungspartner sich durchsetzt und sein Gegenüber nachgibt und sich anpasst. Vielleicht kommt es auch zu Machtkämpfen, in denen es am Ende viel Zerstörung und mindestens einen Verlierer gibt. Oder es kommt zu Kompromissen, die für niemanden wirklich befriedigend sind und oft nur einem Waffenstillstand gleichen. Der entscheidende Schritt fehlt jedes Mal: Keiner der Beteiligten kann an dem Konflikt wachsen und die Beziehung kann sich nicht weiterentwickeln. Stattdessen verfestigen sich die hierarchischen Strukturen.

Beziehungen nach dem Dominanz-Unterwerfungs-Muster ohne Augenhöhe finden wir in verschiedenen Kontexten, z.B. zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Geschlechtern, zwischen Chefs und Angestellten, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Therapeuten und Klienten. Oder in größeren Dimensionen z.B. zwischen Polizisten und Bürgern, zwischen einer Regierung und dem Volk oder zwischen den Kirchenobrigen und den Gläubigen. Außerdem fallen wir oft ganz automatisch in hierarchische Verhaltensmuster, sobald sich Konflikte mit anderen Menschen anbahnen.

Viele von uns haben von Kindesbeinen an nichts anderes erlebt als Beziehungen, die nach dem Dominanz-Unterwerfungs-Muster funktionieren - in der Familie, im Umfeld, in der Schule, in der Gesellschaft, in der Kirche. Und heute, als Erwachsene, leben wir weiter das, was wir gelernt haben.

Selbsterhöhung/Dominanz zeigt sich z.B. in Denk- und Verhaltensweisen wie

  • andere verurteilen, geringschätzen, abwerten
  • andere manipulieren, ausnützen, missbrauchen
  • andere kontrollieren, bevormunden, zu etwas überreden
  • über andere bestimmen, Vorschriften machen, anderen drohen
  • sich in Konflikten durchsetzen ohne Rücksicht auf Verluste
  • über andere lästern oder sich lustig machen
  • andere loben, belohnen oder bestrafen
  • sich über andere stellen z.B. aufgrund von Wissen, Reichtum, Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Erfahrung, Intelligenz, Bewusstheit oder einer beruflichen Position/ eines Titels, sich moralisch überlegen fühlen
  • andere beurteilen, anderen Ratschläge geben, andere belehren
  • jemandem helfen in der Annahme, der andere könne sein Leben alleine nicht bewerkstelligen oder seine Probleme nicht selbst lösen
  • andere bemuttern, therapieren oder retten
  • die Bedürfnisse eines anderen ignorieren
  • jemanden bemitleiden.

Selbsterniedrigung/Unterwürfigkeit zeigt sich dagegen in Denk- und Verhaltensweisen wie z.B.

  • sich dem anderen anpassen und die eigenen Bedürfnisse ignorieren
  • ja sagen und nein meinen
  • in Konflikten nachgeben und eigenen Schaden in Kauf nehmen
  • sich verstellen um zu gefallen, um Anerkennung zu bekommen, um geliebt zu werden
  • einer Autorität im Außen mehr vertrauen als der eigenen inneren Wahrheit
  • gehorchen, um Erlaubnis fragen, keine eigenen Entscheidungen treffen
  • nicht für sich selbst einstehen, die eigene Wahrheit nicht leben aus Angst vor Ablehnung
  • die eigene Handlungsfähigkeit leugnen, andere beschuldigen und sich als Opfer der anderen und der Umstände sehen
  • anderen Vorwürfe machen
  • sich selbst beschuldigen, sich vor anderen rechtfertigen
  • anderen schmeicheln, etwas tun, um eine Belohnung zu bekommen
  • andere auf ein Podest stellen, andere bewundern
  • meinen, den anderen zu brauchen um das eigene Leben bewerkstelligen zu können und glücklich zu sein
  • sich selbst bemitleiden.

Wenn wir uns eine Weile selbst beobachten, dann werden wir feststellen, dass all diese dominanten und unterwürfigen Denk- und Verhaltensweisen ganz selbstverständlich zu unserem Repertoire gehören. Wir greifen auf sie zurück, v.a. wenn wir uns in Konflikten durchzusetzen oder diese vermeiden wollen. Die weiter oben genannten Verhaltensweisen, die kennzeichnend sind für eine Wachstumsbeziehung, erfahren wir eher seltener. Oft nicht mal in unseren Familien, in unseren Freundschaften oder in unseren Liebesbeziehungen.

Wachstumsbeziehungen in den Alltag bringen

Wenn ich in Vorträgen oder Seminaren den Unterschied zwischen hierarchischen Beziehungen und Wachstumsbeziehungen beschreibe, dann können die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer das sehr schnell verstehen. Sie können auch fühlen, dass die vertrauensvolle und aufrichtige Begegnung auf Augenhöhe mit anderen Menschen unsere natürliche, angeborene Art und Weise ist, miteinander in Kontakt zu treten. Dort fühlen wir uns zu Hause.

Diese Art der Begegnung auch im Alltag in die Tat umzusetzen ist jedoch erstmal ein Ding der Unmöglichkeit, unsere erlernten Beziehungsmuster haben uns fest im Griff. Auch im Außen gibt es bis jetzt noch nicht allzuviele Orte und Menschen, wo die Begegnung auf Augenhöhe der Status quo ist. Im Gegenteil, ein großer Teil unseres Schulsystems, unserer Arbeitswelt und unserer Gesellschaft sind von hierarchischen Beziehungsstrukturen stark geprägt. Der Weg raus aus hierarchischen Beziehungen rein in Wachstumsbeziehungen ist also derzeit noch Pioniersarbeit.

Die Entwicklung unseres Bewusstseins rein in Wachstumsbeziehungen ist derzeit noch Pioniersarbeit.

Wachstumsbeziehungen in allen Bereichen unseres Lebens zu fördern ist das Anliegen meiner Arbeit. Ich selbst habe auf meinem Weg raus aus hierarchischen Beziehungen und rein in Wachstumsbeziehungen die innere Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation und The Work als sehr unterstützend erfahren. Mit viel Herzblut gebe ich meine Erfahrungen in Seminaren, Übungsgruppen und Einzelbegleitung weiter: Angebote

Ulla Kruse
Artikel von Mai 2017
Zuletzt geändert am 19. Januar 2018


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